Kurzgeschichte des Monats

Das Weihnachtsspiel

von Roswitha Koert

"Oh, nein", schrie Christina, als sie das Backblech aus dem Ofen zog.

Verbrannt, auch das auch. Ihre Hände zitterten, als sie die schwarzen Weihnachtsplätzchen mit dem Teigschaber von dem Blech kratzte.

Es ging eben doch nicht so, wie Meik sich das vorstellte.

„Was stinkt denn hier so?“ fragte Leonie, die gerade aus der Schule kam.

Christina deutete stumm auf das Backblech, an dem die letzten Reste der schwarzen Zimtsterne klebten.

Sie kämpfte mit den Tränen.

„Heh, ist doch nicht so schlimm. Dann backen wir halt neue. Ich helfe dir dabei.“

Christina blinzelte das Wasser aus ihren Augen und sah ihre Tochter erstaunt an. So nett kannte sie die Dreizehnjährige eigentlich nicht. Was war los mit ihr?

Ob sie etwas gemerkt hatte?

Leonie legte einen Arm um die Schulter ihrer Mutter.

„Ich mach nur schnell die Hausaufgaben. Wir haben nicht viel auf.

Heute Nachmittag backen wir dann neue Plätzchen. Wie wär’s mit Spritzgebäck?“

„Ja, prima Idee“, antwortete Christina und schüttelte unmerklich den Kopf, als sie ihrer Tochter beim Verlassen der Küche hinterher schaute.

 

 

„Die Kinder sollen nichts merken“, hatte Meik gesagt und Christina war damit einverstanden gewesen.

„Sie sollen eine richtig schöne Weihnachtszeit haben und ein tolles Fest.

Erst im neuen Jahr wollen wir ihnen die Wahrheit sagen.“

Meik und Christina waren sich einig gewesen.

Das letzte gemeinsame Weihnachtsfest.

Aber Christina musste immer häufiger feststellen, dass das „Heile-Welt-Spiel“ ihre Kräfte überstieg.

 

 

Leonie ging in das Zimmer ihres Bruders, der eine Stunde vor ihr aus der Schule gekommen war.

„Es stimmt etwas nicht, ich rieche das“, sagte sie zu Max.

„Es sind die Plätzchen. Mama hat die Plätzchen verbrennen lassen“, gab Max zurück.

„Nein, nein, das mein ich nicht. Etwas anderes stimmt nicht. Mit den beiden meine ich. Mama hat dauernd Tränen in den Augen. Da ist was im Busch, sag ich dir.“

„Was meinst du denn?“ Max riss ängstlich die Augen auf.

„Vielleicht lassen sie sich scheiden.“

Max wurde blass. „Scheiden? Wie kommst du denn darauf? Sie streiten sich doch gar nicht.“

„Ja, wenn wir dabei sind, nicht. Aber was ist los, wenn wir abends im Bett sind?

Meinst du, wir kriegen alles mit?“

„Sie sollen sich nicht scheiden lassen.“ Max fing an zu weinen.

„Ach, Kleiner, nun hör auf. So schlimm ist das auch wieder nicht.“

Max schluchzte jetzt haltlos vor sich hin.

„Sie…sollen… sich….nicht…..“

Leonie legte tröstend den Arm um ihren kleinen Bruder.

„Du, die Hälfte der Eltern in meiner Klasse sind geschieden. Manche Klassenkameraden von mir behaupten sogar, dass das ganz prima ist. Zu Weihnachten und zum Geburtstag bekommt man dann nämlich zweimal Geschenke. Einmal von Mama, einmal von Papa.“

„Ich will nicht zwei Geschenke, ich will, dass sie zusammen bleiben.“

„Ich bleib ja bei dir, Mäxchen.“ Leonie versuchte, Max die Tränen abzuwischen.

Mit einer heftigen Bewegung stieß er ihre Hand weg.

„Aber du bist nicht meine Mama. Du bist nur meine blöde Schwester. Und du erzählst so blöde Sachen. Eltern, die sich nicht streiten, lassen sich auch nicht scheiden. Basta.“

Leonie stand auf, zuckte mit den Schultern und sagte:  „Er ist eben erst sieben“, als sie den Raum verließ.

 

 

In ihrem Zimmer stellte Leonie den CD-Player auf volle Lautstärke.

Heavy Metal dröhnte durch’s Haus. Laut genug, um schmerzende Gedanken zu übertönen.

Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie ihren Bruder nicht schonender auf die Veränderungen in der Familie vorbereitet hatte.

Aber egal, irgendwann musste er es erfahren. Sie hatte ihm schließlich nur die Wahrheit gesagt.

Und die war ihr klar, seit sie neulich nachts einmal wach geworden war und in der Küche ein Glas Wasser holen wollte.

Sie wusste nicht mehr genau, warum sie auch noch ins Wohnzimmer gegangen war, vielleicht hatte sie etwas gehört.

Und da hatte sie ihre Mutter auf der Couch gesehen, mit einer Decke, schlafend.

Auf Zehenspitzen war sie wieder hinausgegangen, ihre Mutter war nicht wach geworden.

Morgens, als Leonie und Max zur Schule gingen, waren die Spuren des nächtlichen Lagers im Wohnzimmer längst beseitigt worden.

Aber ein Blick in das elterliche Schlafzimmer hatte Leonie verraten, dass die linke Seite des Ehebetts unbenutzt war.

Was war nur geschehen mit ihren Eltern?

 

 

 

Das Spritzgebäck, das Christina und Leonie zusammen backten, gelang gut.

Mit der Eieruhr überwachte Leonie die Backzeit, der Plätzchenduft zog angenehm durch’s ganze Haus.

Die Keksdose war bis zum Rand gefüllt, als die Familie später gemeinsam beim Abendessen saß.

„Ich möchte so gern schon mal probieren“, bettelte Meik.

Christina schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall. Das kenn ich zu gut aus den vergangenen Jahren. Heiligabend kann ich dann zusehen, dass ich im Aldi noch ein paar Spekulatius erwische, weil ihr alle Plätzchen schon vorher aufgegessen habt.“

Alle lachten, doch Leonie stand auf, holte die Keksdose und ging zu jedem hin, um ihm ein Plätzchen anzubieten.

„Wer weiß, was Heiligabend ist“, sagte sie und sah ihrer Mutter dabei fest in die Augen.

Christina lief rot an. Sie suchte Meiks Blick. „Siehst du, man kann Kindern nichts vormachen“, sagten ihre Augen.

 

 

Zwei Monate war es jetzt her, als sie den Zettel mit der Handynummer in seiner Jackentasche gefunden hatte. Es war die Jacke, die er auf der Dienstreise nach Hamburg mitgenommen hatte.

Eine Restaurantquittung vom Hotel Hafen Hamburg hatte sie mit dem Zettel aus der Tasche gezogen.

„Ein Rumpsteak Holsteiner Art, ein gefülltes Putensteak, 1 Glas Bier, 1 Karaffe Weißwein und 2 Prossecco“ hatte sie laut gelesen.

„Das muss er sich doch noch von der Firma erstatten lassen“, hatte sie gedacht und die Quittung an die Pinwand geheftet.

Den ganzen Vormittag hatte sie misstrauisch die Restaurantrechnung und den Zettel mit der Handynummer beäugt. Endlich hatte sie zum Telefon gegriffen und die Nummer gewählt.

„Tanja Rossmann“ hatte eine Frauenstimme sich gemeldet. Eine angenehme Stimme. Christina kannte sie. Es war die Sekretärin ihres Mannes.

Als sie Meik abends zur Rede stellte, hatte er keine Sekunde geleugnet.

„Ich wollte es dir sagen, aber erst nach Weihnachten“, begründete er sein Schweigen.

„Wegen der Kinder?“ hatte sie leise gefragt und er hatte genickt.

Sie waren übereingekommen, dass bis Sylvester alles beim alten bleiben sollte.

Im neuen Jahr wollten sie dann mit den Kindern reden.

Und ihnen erklären, dass Gefühle manchmal eigene Wege gehen.

 

 

 

 

„Ich glaub, er hat ne Freundin.“ Leonie war wieder im Zimmer ihres Bruders.

„Wie kommst du darauf?“ Max klang aufgeregt.

„Hast du mal Mamas Augen gesehen? Sie schaut so traurig.“

Max sprang von seinem Bett auf.

„Wo willst du hin?“ rief Leonie ihm hinterher, als er aus dem Zimmer stürzte.

Es dauerte keine fünf Minuten, bis Max mit einem triumphierenden Lächeln zurückkam. In der Hand hielt er ein Handy, dass er Leonie vor die Nase hielt.

„Wem gehört das?“ fragte sie. „Na, Papa. Hab ich aus seiner Jackentasche.“

„Und wenn er das jetzt sucht?“

„Ach, das sucht er doch ständig, das ist doch nichts Besonderes.“

„Da hast du Recht.“

Leonie musste über ihren Bruder lachen. Ganz schön raffiniert, der Kleine.

„Und was machen wir jetzt damit, alle Nummern durch telefonieren und fragen: ` Entschuldigung, sind sie vielleicht die Freundin unseres Vaters`?“

„Nein, natürlich nicht.“ Max schien zu überlegen.

„Aber vielleicht finden wir irgendeine Spur in seinem Handy, zeig mal her.“

Leonie sah das Telefonbuch im Handy ihres Vaters durch.

„Da, das könnte was sein“, rief sie.

„T.R.  01607235609“

„Weißt du, wenn man nur die Initialen speichert und nicht den vollständigen Namen, ist das immer verdächtig“, erklärte Leonie ihrem Bruder.

„Und was machen wir jetzt?“ flüsterte Max erregt.

„Wir machen eine Meinungsumfrage. Mal schauen, was wir über T. R. herausbekommen können“, antwortete Leonie fröhlich.

 

 

 

„Ich glaube, die Kinder haben etwas gemerkt.“ Christina saß mit Meik vor dem Fernseher. „Sie sind so lieb zu mir“, setzte sie noch hinzu.

„Vor Weihnachten sind sie das doch meistens“, gab Meik zurück.

 „Gehst du noch einmal weg?“ fragte Christina möglichst beiläufig.

In den letzten Wochen war Meik regelmäßig abends noch einmal fort gegangen, aber heute hatte er es sich in seinem Fernsehsessel gemütlich gemacht.

„Nein, ich bleibe hier. Wollen wir uns nicht diesen Weihnachtsfilm auf dem ersten ansehen, weißt du, mit Tobias Moretti, ‚das ewige Lied’? Der hat uns doch immer so gut gefallen.“

Christina nickte.

Erstaunt beobachtete sie, wie Meik aufstand, eine Flasche Rotwein holte, entkorkte und zwei Gläser einfüllte. Das hatte er lange nicht mehr gemacht.

Sie tranken schweigend.

Der Film war schön. Wie arm die Menschen Ende des Neunzehnjahrhunderts gewesen waren. Arm, bis auf wenige Ausnahmen. Die Mächtigen der Gesellschaft waren reich gewesen. Genau wie heute.

Christina wischte sich eine Träne aus den Augen, als am Ende des Films der Pastor Mohr „Stille Nacht“ auf der Gitarre spielte, weil kein Geld für die Reparatur der Orgel da gewesen war.

„So sentimental?“

„Ach, ich weiß auch nicht ….“ antwortete Christina verlegen.

„Könntest du dir vorstellen, dass wir es vielleicht doch noch einmal…..“

„Nein, auf keinen Fall.“ Christinas Reaktion kam schnell, viel zu schnell, bemerkte sie selbst.

Sie stand auf, holte ihre Decken aus dem Schlafzimmer und baute, wie jeden Abend, ihr Bett. Meik stellte den Fernseher aus und wünschte ihr eine gute Nacht, als er das Zimmer verließ.

Täuschte sie sich, oder hatte sie ein bedauerndes Lächeln in seinen Augen gesehen?

 

 

„Schläfst du schon?“ Leonie schlich sich leise ins Zimmer ihres Bruders.

„Nee, kannst ruhig reinkommen.“ Max rieb sich die Augen.

„Hast du was rausgekriegt?“

„Und ob“, antwortete Leonie. „Die Dame heißt Tanja Rossmann, ist 42 Jahre alt, hat eine Tochter von 17 und ist allein erziehend. Und halt dich fest, sie ist Papas Sekretärin.“

„Mann, woher weißt du das alles?“ staunte Max.

„Na, ich hab eben eine Meinungsumfrage gemacht. ‚Sie wurden exklusiv von unserem Institut ausgesucht’, hab ich ihr gesagt. Das hat sofort gezogen.“

„Und was machen wir jetzt?“ Max schaute seine Schwester ratlos an.

„Sie müsste mit ihm Schluss machen“ sinnierte Leonie.

„Na klar“, rief Max, „sie schreibt ihm einen Abschiedsbrief.“

„Ja, genau. Sie schreibt ihm einen Abschiedsbrief und er schreibt ihr einen Abschiedsbrief. Natürlich auf dem PC. Das merkt keiner.“

„Und Mama schreiben wir einen Brief von Papa, dass er sie immer noch liebt und dass sie ihm verzeihen soll und….“ Max hatte vor Eifer rote Wangen bekommen. Jetzt holte er erst einmal Luft.

„Leonie, kannst du das alles schreiben? Du kannst dich so toll ausdrücken. Wenn du das machst, merkt das bestimmt keiner.“

„Na, klar, Kleiner, ich mach das. Aber dass du uns bloß nicht verrätst. Hast du gehört?“

„Nein, nein, ganz bestimmt nicht, Leonie. Großes Indianer-Ehrenwort.“

Als Leonie das Zimmer ihres Bruders verließ, lag Max mit hochrotem Gesicht in den Kissen. In dieser Nacht sollte er keinen Schlaf finden.

 

 

Der Morgen des Heiligabends war stressig wie immer. Christina musste letzte Einkäufe erledigen, das Essen vorbereiten und Geschenke einpacken.

„Ich hab schon mal die Post herein geholt“, rief Leonie betont fröhlich.

„Ein Brief ohne Absender für dich“, sagte sie zu ihrer Mutter, als sie ihr den Umschlag reichte. Christina drehte den Brief verwundert in ihren Händen herum. „Na, nu, wer schreibt mir denn da anonym?“

„Bestimmt ein Verehrer“, rief Max, der schon den ganzen morgen auf den Briefträger gewartet hatte.

„Du hast Post von T. R.“, wandte Leonie sich jetzt an ihren Vater.

„Gib her“, antwortete der schnell und nahm ihr den Brief aus den Händen.

Wortlos verließ er dann die Küche.

Auch Christina ging kurz darauf nach oben.

„Hoffentlich klappt das“, flüsterte Max seiner Schwester zu.

Leonie legte einen Finger auf ihren Mund und sah ihren Bruder streng an.

 

 

Am Abend saß die Familie am großen Tisch in der Essecke beisammen.

„Wann kommt denn endlich die Bescherung?“ quengelte Max.

„Es gibt in diesem Jahr nur Kleinigkeiten“, antwortete Meik und schaute abwechselnd zu Leonie und Max herüber.

„Wieso das denn?“ Max war enttäuscht.

„Mama und ich haben uns etwas ausgedacht. Etwas für die ganze Familie.

Sozusagen ein Familiengeschenk.“

„Was denn?“ Max hielt es langsam nicht mehr aus.

„Wir haben uns gedacht, dass wir morgen alle zusammen in den Winterurlaub fahren. Weihnachten und Neujahr in den Bergen, habt ihr Lust darauf?

Mama konnte zum Glück noch ein paar Restplätze im Reisebüro für uns buchen.

Morgen früh geht’s auf nach Kitzbühel!“

„Juchhu“, Max bekam sich vor Freude nicht mehr ein.

„Cool“, lobte auch Leonie die unerwartete Weihnachtsüberraschung.

„Und nach Sylvester?“ fragte Max jetzt ganz leise.

„Nach Sylvester fahren wir wieder nach Hause, ihr müsst in die Schule, Mama muss die Wäsche waschen, ich muss wieder ins Büro….“

„Aber es bleibt alles beim alten?“ fragte Leonie.

„Es bleibt alles beim alten“, wiederholten Christina und Meik im Chor und schauten sich lachend an.

„Das hatten wir aber schon beschlossen, bevor Eure anonymen Briefe ankamen“, ergänzte Meik.

Plötzlich wurden Max Ohren so rot, dass Leonie befürchtete, sie würden ihm gleich platzen.