Kurzgeschichte des Monats

Blumen für Oma (Eine Kurzgeschichte von Roswitha Koert)

Es war stürmisch an diesem zweiten August-Tag des Jahres 1956.

Ein Gewitter hatte die hochsommerlichen Temperaturen der letzten Woche weggefegt und dunkle, bedrohliche Wolken vor die Sonne geschoben.

Die kleine Familie kämpfte gegen den Wind an, der Vater hielt mit einer Hand seinen Hut fest.

„Weiß Elfi denn, dass wir kommen?“ Das kleine Mädchen hüpfte an der Hand der Mutter und plapperte unentwegt. „Natürlich weiß sie das. Halt die Blumen schön fest.“ Die Finger der kleinen Hand umfassten den Blumenstrauß jetzt ganz eng, das Gesicht des Mädchens lief rot an. Erst vor einer halben Stunde hatte sie mit der Mutter die Blumen im Garten gepflückt. Oma Teita hatte heute Geburtstag und so machten die drei sich gleich nach dem Mittagessen auf den Weg, um die große Tochter von der Schule abzuholen und dann gemeinsam zum Bollwerk zu gehen. „Und was schenkt Elfi Oma Teita?“

„Die Topflappen, die sie gehäkelt hat. Du hast sie doch schon gesehen.“

„Die mit den blauen Mausezäckchen? Ich möchte auch häkeln können.“

„Das lernst du noch. Du kommst doch bald zur Schule.“

Die kleine Roswitha nickte heftig. Sie freute sich auf die Schule. Fast noch ein Jahr, eine ganze Ewigkeit. Sie ließ die Hand der Mutter los und wechselte den Blumenstrauß auf die andere Seite. Die Mutter hatte ihn mit einer Kordel zusammengebunden und das harte Band scheuerte in der kleinen Handfläche.

Die Familie hatte jetzt die Koppelstraße erreicht und bog links ein zur Sesekebrücke.

„Papa, schau mal, die schwarzen Vögel in den Bäumen.“

Der Vater schaute hoch in die Pappeln, die der Wind hin und her bewegte.

„Das sind keine Vögel. Die Blätter glänzen so schwarz, weil sie noch nass sind vom Regen .“

Das kleine Mädchen hatte schon wieder etwas anderes entdeckt. Es lief zum Geländer der Brücke und schaute in die Seseke.

„Sieh mal da, eine Schlange im Fluss.“

„Nein, Roswitha, das ist ein Ast, den der Sturm abgebrochen hat.“

Ein Lächeln huschte über das ernste Gesicht des Vaters. Sein kleines Mädchen hatte eine lebhafte Fantasie. Immer war sie fröhlich und voller Leben. Durch sie hatte auch er das Lachen wieder gelernt. Nur seine Augen lachten nie mit. Sie sahen zuviel Trauriges, auch heute noch. Den Vater, der den Verstand verloren hatte, als der jüngste Sohn nicht heimkehrte aus dem Krieg. Den Schwiegervater, dem ein Kopfschuss das Augenlicht genommen hatte. Die Tochter, die vor dem eigenen Vater weglief, weil sie den hageren Mann mit den zitternden Händen nicht mehr erkannte.

Roswitha lief jetzt zum gegenüberliegenden Geländer der Brücke, um die   vorbeischwimmende Schlange, oder war es doch nur ein Stock?, weiter zu beobachten.

„Paß doch auf, wenn jetzt ein Auto gekommen wäre.“ Die Mutter war immer voller Sorge um ihre Kinder. Zwar fuhr hier nur selten ein Auto her, aber sie wollte, dass die Kleine aufpasste. Gut, dass Elfi im nächsten Frühjahr noch ein Jahr lang zusammen mit Roswitha den Schulweg ging.

„Oh, nein“, ein schriller Aufschrei übertönte das Rauschen des Wassers. Roswitha hatte den Blumenstrauß nicht richtig fest gehalten, der Wind hatte ihn aus ihrer Hand gerissen und nun segelte er wie ein großer bunter Vogel hinunter in die Seseke. 

„Paapppaa“. Der Schrei der Kleinen ging in ein Weinen über.

Der Vater überlegte nicht lange. Er kletterte auf der anderen Seite die Böschung hinunter, hielt sich an einem Gebüsch fest und wartete, dass die Strömung die Blumen vorbeischwimmen ließ. Wieder durchschnitt ein Schrei das Getöse des Windes.

„Hermann, nein, paß auf, sei vorsichtig.“

Margarete, von allen nur „Gretchen“ genannt, hatte alle Farbe aus dem Gesicht verloren. Die Angst presste ihr das Wasser in die Augen. Zu lebendig war diese Angst noch, die Angst um den Mann, der für einen Wahnsinnigen in den Krieg gegangen war. Ein gütiges Schicksal hatte ihn zurückgebracht zu seiner Familie. Doch nicht, damit er jetzt in der Seseke …

„Hab ihn schon“, rief die tiefe Stimme hinauf zu Frau und Kind, die zitternd auf der Brücke standen. Der Vater kletterte vorsichtig die Böschung wieder hinauf und schwenkte den Blumenstrauß in seiner rechten Hand. Und zum ersten Mal sah die kleine Roswitha, dass auch die Augen des Vaters lachen konnten.