Kurzgeschichte des Monats

Schreiben befreit                                                                

von Roswitha Koert

 

Einladung zum Schreibfrühstück. Wie in alten Zeiten. Und doch ist alles ganz anders.

Monika schneidet den Schinken hauchdünn auf der Maschine. Ihr Blick bleibt an dem roten Emaille-Schild hängen, das ihre Enkel ihr geschenkt haben.

 Grandma rockt the kitchen, steht in altmodischer Schnörkelschrift darauf. Sie lächelt. Max und Felix sind ihr ein und alles. Schon der Gedanke, den beiden könne etwas zustoßen, jemand könne ihnen etwas antun, löst Panik in ihrem Herzen aus.

Letzte Woche hat sie ihn gesehen in der Menschenmenge auf dem Westenhellweg. Wie war das möglich? Haftverschonung, stößt sie verächtlich aus.

Während sie die Käseplatte anrichtet, muss sie daran denken, wie Susi sich über den Anruf gefreut hat. Schreibfrühstück? Mensch, Monika, das ist doch schon Jahre her. Klar komme ich. War doch immer toll bei dir.

Sie sind eine bunt gewürfelte Truppe gewesen, alle schreibbesessen. Eine Ärztin, eine Altenpflegerin, eine Steuerberaterin und er, der Sozialpädagoge.

Diplom-Sozialpädagoge, soviel Zeit muss sein, pflegte er zu sagen.

Schreiben befreit, besonders, wenn es dabei Kaffee, Tee und Brötchen gibt.

Wenn die nicht von Pappe sind, hat er gewitzelt.

Sie schrieben Kurzgeschichten, manchmal auch Gedichte. Krimis, Liebesdramen, Alltagsgeschichten. Marcel war im Fantasie-Genre unterwegs. Immer suchte der verloren gegangene Sohn seinen Vater, der natürlich der König im Nirvana war. Seine Sprache war schnörkelig und romantisch. Manchmal kam ihr der Verdacht, er könne schwul sein, obwohl  die Damen (sie eingeschlossen) bei seinem Erscheinen glänzende Augen bekamen.  

Viele Jahre hatten sie sich nun schon nicht mehr getroffen. Es war einfach so eingeschlafen. 

Sie befüllt die Kaffeemaschine und denkt an seine E-Mail-Antwort, die umgehend kam. Komme gern, gibts Tomaten-Mozzarella? Natürlich, mag er doch so gern.

Sie haben sich so gut verstanden, damals. Über Gott und die Welt diskutiert. Und Marcel hat ihr die Seele eines Kindes erklärt. Eine tolle Zeit.

Sie richtet Wurst und Schinken an, Konfitüre und Honig und, natürlich, Tomaten-Mozzarella. Einen kleinen Teller. Nur für ihn.

Ein großes Hallo beim Wiedersehen. Wie geht es denn, was habt ihr gemacht? Du bist Oma geworden, zwei Jungen, wie schön!

Sie stellt den Teller mit der Basilikum-Garnitur in seine Nähe. Er langt sofort zu. Als er beginnt, nach Luft zu schnappen und sich ans Herz zu greifen, läuft sie raus. Mit dem leeren Teller.

Der Notarzt kommt schnell. Herzstillstand. Damit hat keiner gerechnet. Er war doch erst 39.

Sie legt die aufgeschlagene Zeitung unauffällig vor Gisela hin.

Diplom-Sozialpädagoge missbraucht 16 Kinder beim Coaching.

Gisela liest und sieht Monika lange an.