Kurzgeschichte des Monats

Ein Porträt der Autorin Roswitha Koert von Anja Trümper

  „Schreiben kann wehtun“

Die Kamener Autorin Roswitha Koert hat ihren Weg zur Schriftstellerei gefunden. Der führte sie zunächst in eine ganz andere Richtung und durch einen Schicksalsschlag in der Familie zum Schreiben. Nach vier Büchern und zahlreichen Kurztexten hat sie einen festen Platz in der Kamener Literaturszene.

Auf Roswitha Koerts Schreibtisch reihen sich zahlreiche Ordner aneinander, an der Wand stehen ein Regal mit Büchern und daneben ein Schrank beklebt mit Plakaten von ihren Lesungen. Ihr Arbeitszimmer ist hell, sehr aufgeräumt und gut strukturiert, genau wie die Kamener Autorin selbst. „Hier habe ich die Ruhe, die ich zum Schreiben brauche“, erzählt sie und gießt dampfenden Kaffee in geblümte Tassen. Mit ihrer dunkelblauen Lederhose, der flotten Kurzhaarfrisur und ihren lebhaften Augen strahlt die 67-jährige geradezu jugendliche Umtriebigkeit aus. „Das ist aber nicht alles, was man braucht, um ein gutes Buch zu schreiben“, ergänzt sie. „Um den Charakter einer Figur zu entwickeln, muss man sich gut in andere Menschen hineinversetzen können, also über Empathie verfügen und vor allem neugierig sein“, sagt sie weiter. Ihre Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen dienen Roswitha Koert als Inspirationsquelle. „Ich habe ein ungewöhnliches Hobby. Ich sammele Menschen. In meinen Geschichten mische ich dann Erlebtes und Fiktives“, erklärt sie. Da kann es schon einmal vorkommen, dass Personen aus ihrem Umfeld Ähnlichkeit mit einer Figur empfinden. Drei Romane und einen Band mit Kurzgeschichten und Gedichten hat sie bereits veröffentlicht. Dabei führte ihr Lebensweg zunächst in eine ganz andere Richtung. 1951 wurde sie in Kamen geboren. Dort verlebte sie eine, wie sie sagt, „einfache, aber glückliche Kindheit“. Ihre Familie habe sie oft mit ihrer Phantasie überrascht, erzählt sie und ergänzt, dass ein im Fluss vorbetreibender Stock da schon einmal schnell zur Wasserschlange geworden sei. Diese Begebenheit floss dann später in eine ihrer Geschichten ein. Als junge Frau ging sie zunächst bei einem Steuerberater in die Lehre, bildete sich weiter fort und eröffnete 1989 als Steuerberaterin ihr eigenes Büro, das sie 2007 wieder verkaufte, um mit ihrem Mann in den Ruhestand zu gehen.

Ein Unglück in der Familie gab ihrem Leben 2003 eine neue Richtung und brachte Roswitha Koert zum Schreiben. Zunächst nur für sich, um sich „die Belastung von der Seele zu schreiben“, wie sie sagt. „Denn das Schreiben kann wie eine Therapie sein, indem man das Geschehene reflektiert und während des Schreibens verarbeitet“, erzählt sie und holt dabei tief Luft. Ihre Augen glänzen ein wenig als sie daran zurückdenkt. Zu dieser Zeit hat sie den Weg zur Schreibwerkstatt der Volkshochschule Dortmund gefunden, wo sie bis 2011 und noch einmal 2015 Seminare besucht hat. „Hier habe ich sehr viel gelernt und mich entwickelt“, erzählt sie und ergänzt: „Dazu gehört es auch, Kritik an den eigenen Texten aushalten zu können. Das muss man erst einmal lernen.“ Während des Schreibens entwickelt Roswitha Koert eine enge Bindung zu den Figuren. Das könne sogar soweit führen, dass ihr das Schreiben selbst wehtue, weil sie gedanklich miterlebe, was ihren Figuren widerfahre, sagt sie. Während der Arbeit an ihrem jüngsten Roman „Kursänderung der C.C.“, in dem sie sich mit dem Schiffsunglück der „Costa Concordia“ vor der italienischen Insel Giglio auseinandersetzt, hat sie oft bis tief in die Nacht geschrieben. „Ich musste die ganze Zeit schreiben. Es hat mich einfach nicht losgelassen“, sagt sie. Ein Jahr zuvor hatte die Schriftstellerin selbst eine Reise auf eben diesem Schiff unternommen und einiges an Material gesammelt, um später vielleicht mal eine Geschichte darüber zu schreiben.

Von der Idee zum Buch ist es jedoch ein weiter Weg. Zunächst entwickelt die Autorin ein thematisches Ziel und arbeitet dann die Handlung und die Figuren aus. Damit es zu keinen Brüchen im Charakter der Figuren kommt, legt sie ausführliche Charakterlisten an. Das sind Raster, in denen sie die Eigenschaften jeder Figur detailliert festhält. „Natürlich können die Figuren Entwicklungen durchmachen, aber dabei müssen sie immer glaubwürdig bleiben“, erläutert die Autorin. Besonders wichtig ist ihr während des Schreibens der Austausch mit ihren Weggefährten im Autorenkreis Unna. Der Autorenkreis besteht seit 2010. Aktuell treffen sich sieben Autoren aus Unna und Umgebung zum gemeinsamen Austausch. Dabei besprechen sie nicht nur eigene Werke, sondern auch andere von den Autoren vorgeschlagene Bücher. Gemeinsam planen sie Veranstaltungen wie die Lesereihe „Mehr als nur Mord“.

Roswitha Koerts Lektorin, die Journalistin Barbara Nobis, ist ebenfalls Mitglied im Autorenkreis Unna. An der Kamener Schriftstellerin schätzt sie besonders deren Professionalität, wenn es um die Organisation von Lesungen oder die Arbeit an den Texten geht. „Als leidenschaftliche Autorin steht sie ganz selbstbewusst zu ihren Geschichten und Figuren, auch wenn diese mal kontrovers diskutiert werden. Wenn sie von ihrem Text überzeugt ist, bleibt sie auch dabei“, sagt Barbara Nobis. Bei den regelmäßigen Treffen des Kreises gehe es aber nicht darum, die Texte anderer zu zerreißen, sondern Verbesserungsvorschläge zu machen, erklärt Roswitha Koert.    

So hält sie es auch in ihren eigenen Veranstaltungen. Mehrere Lesungen und zwei Schreibfrühstücke in der Stadtbücherei Kamen hat sie bereits angeboten. Während dieser Veranstaltungen stellt sie den Teilnehmern Techniken kreativen Schreibens vor, die sie anschließend selbst ausprobieren können. So auch im November 2017 als sie mit sechs Teilnehmern an einem runden Tisch in einem kleinen Raum der Stadtbücherei sitzt. An der Seitenwand hat sie ein Frühstück aufgebaut, Wurst, Käse und Rohkost, in den Kannen heißer Kaffee. Roswitha Koert ist gut vorbereitet und ein wenig aufgeregt. Dieses Mal hat sie eine Schreibübung zum Thema „Freundschaft“ vorbereitet. Anhand eines Bildes, auf dem zwei verwahrloste Toiletten an einer Autobahnraststätte zu sehen sind, sollen die Teilnehmer eine Geschichte zu eben diesem Thema entwickeln. Das ist gar nicht so leicht. Roswitha Koert lächelt aufmunternd und strahlt Zuversicht aus. Bei ihren Veranstaltungen hat sie schon einiges erlebt. Zu der Vorstellung des Romans „Kursänderung der C.C.“ in der Stadtbücherei Kamen im Jahr 2015 erschienen sogar zwei Gäste, die das Unglück auf dem Kreuzfahrtschiff selbst miterlebt hatten. Es gab aber auch eine Lesung, bei der Zuhörerinnen den Raum verließen. Auch wenn dies wahrscheinlich an einer anderen Erwartungshaltung der Besucherinnen lag, waren es Umstände, mit denen Roswitha Koert erst einmal umgehen musste „Natürlich fühlt man sich geschmeichelt, die eigenen Texte der Öffentlichkeit präsentieren zu können. Es bedeutet aber auch immer, ein Stück von sich selbst zu zeigen“, erzählt sie.

Für ihr neues Buch plant sie, lustige Begebenheiten mit ihren Enkeln literarisch zu bearbeiten. Auch ein Schreibfrühstück in der Stadtbücherei werde es sicher geben und Ideen für weitere Projekte habe sie auch, sagt Roswitha Koert „Und wer weiß, vielleicht ist ja mal ein Bestseller dabei“, ergänzt sie lachend. Vielleicht braucht es dafür genau jene Wahrhaftigkeit sich selbst und mitfühlende Offenheit anderen gegenüber, auch wenn es wehtun kann.

(Anmerkung: Dieses Porträt ist eine Arbeit im Rahmen eines Fernstudiums von Anja Trümper)